Zuhören – es tut so gut!

Wie LISTEN! mentale Gesundheit von Studierenden fördert und aktive Hilfe bietet.

Für Studierende nimmt die FH als Arbeits- und Lebensbereich einen großen Teil des Alltags ein. Das Projekt LISTEN! der FH Campus Wien unterstützt gesundheitsförderndes und sicheres Studieren. LISTEN! - Living Interconnected Student Engagement – stärkt mit niederschwelligen und bedürfnisorientierten Vernetzungs- und Peerangebote den sozialen Zusammenhalt der Studierendencommunity. Beinahe 25 Studierende haben sich bereits als Peer-Berater*innen ausbilden lassen und bieten Hilfestellung für Kolleg*innen in schwierigen Situationen. Auch Schulungsangebote für Lehrende und administrative Mitarbeiter*innen stellen studentische psychische Gesundheit in den Mittelpunkt. Im Interview: Petra Paukowitsch, Projektleiterin von LISTEN! und Lehrende im Studiengang Ergotherapie und Tom Doberauer, Studierender und geprüfter Peer-Berater.

Datum: 19.12.2023

Zuhören – es tut so gut!

Lisa Baumgartner
Geben wir es zu: Bei jeder, bei jedem von uns läuft es manchmal einfach nicht rund. Manche Zeiten sind stressig, ziemlich anstrengend, und sie fordern uns. Lisa Baumgartner hier, Hallo zu neunmalklug! Gleich zwei Gäste habe ich dieses Mal bei mir, nämlich Petra Paukowitsch und Tom Oberauer. Ich bin sicher, auch Sie beide schnaufen manchmal, aber Sie haben ja auch Ideen und Lösungsvorschläge, wie Steine aus dem Weg geräumt werden können. Sie setzen sich aktiv mit Zufriedenheit, Balance und was uns eben so gut tut auseinander, und zwar in einem von der FH Campus Wien angestoßenen Projekt, in dem die mentale Gesundheit unserer Studierenden besonders im Fokus steht. Es heißt Listen!, mit Ausrufungszeichen hinten dran. Bevor wir über Listen! reden, darf ich Sie bitten, sich kurz vorzustellen?

Petra Paukowitsch
Hallo, mein Name ist Petra Paukowitsch, ich bin Ergotherapeutin und Sozialarbeiterin und bin die Projektleiterin von Listen! und auch die, die die Idee geboren hat.

Lisa Baumgartner
Die Erfinderin.

Petra Paukowitsch
Genau!

Tom Doberauer
Hallo, ich bin Tom Doberauer. Ich komme aus dem Studiengang Computer Science and Digital Communications, und ich bin derzeit studentischer Mitarbeiter beim Projekt Listen!

Lisa Baumgartner
Das Projekt Listen! ist ja eine Herzensangelegenheit von der FH Campus Wien. Es leistet einen Beitrag zur Gesundheit. Konkret geht es um mentale Gesundheit, es geht um Prävention und um Hilfestellung in schwierigen Situationen. Im Mittelpunkt von Listen! stehen die Studierenden. Was genau bietet jetzt das Projekt den Studierenden?

Petra Paukowitsch
Wir haben im Projekt Listen! drei Säulen, und zwei davon beziehen sich direkt auf die Studierenden, eine bindet auch die Mitarbeitenden mit ein. Für die Studierenden haben wir eine Peer-Beratung, das heißt ein Beratungsangebot von Studierende für Studierende. Das ist das erste, und das zweite ist auch Vernetzungsangebote, wo ich mich sozial austauschen kann, auch über meinen Studiengang hinaus. Und die dritte Säule für die Mitarbeitenden: Da geht es darum, dass die Mitarbeitenden, die mit Studierenden in Kontakt sind, Awareness dafür kriegen, was Studierende eigentlich brauchen, und auch ein Handwerkszeug, wie ich mit Studierenden umgehen kann, die vielleicht gerade in Belastungssituationen sind.

Lisa Baumgartner
Die FH Campus Wien hat das Projekt aufgesetzt, wird aber auch unterstützt, von wem?

Petra Paukowitsch
Wir arbeiten sehr eng mit unserer internen Abteilung der Gender und Diversity zusammen, außerdem mit der ÖH, der österreichischen Hochschüler*innenschaft der FH Campus Wien, und wir haben unseren externen Fördergeber, die Wiener Gesundheitsförderung, die uns auch finanziell unterstützt. 

Lisa Baumgartner
Listen - heißt ja auf Deutsch hören. Es passt natürlich gut - hören oder zuhören. Hinter den Buchstaben steht aber auch noch eine andere Bedeutung. Welche denn?

Petra Paukowitsch
Genau, Listen! steht für living interconnected student engagement, und da steckt so das interconnected drinnen, das heißt das Vernetzen. Wir haben einfach bemerkt, dass die Studierenden sich in Studierenden-Befragungen innerhalb der FH Campus Wien mehr Austausch über ihren Studiengang hinaus wünschen und der auch ein ganz, ganz großer Resilienzfaktor in Belastungssituationen ist. Das heißt, wenn ich ein gutes soziales Netz habe, habe ich mehr Unterstützungsmöglichkeiten. Das steckt da dahinter. Es steckt auch dahinter, dass es sehr niederschwellig ist, dass ich sehr leicht in Kontakt gehen kann mit Studierende, mit meinen Peers, dass es sehr bedürfnisorientiert ist und dass es eben von Studierenden für Studierende ist.

Lisa Baumgartner
Tom, Sie sind seit knapp zwei Jahren an der FH Campus Wien. Was ist denn Ihnen als Studierenden wichtig in Bezug jetzt auf sicheres und gesundheitsförderndes Studieren?

Tom Doberauer
Das kennen wahrscheinlich alle Studierende: Wir haben viele Informationen, die auf uns einprasseln, jeder und viel zu tun, und da ist es ganz besonders wichtig, da einen kühlen Kopf zu bewahren, und am besten kann man das vermutlich, indem man ins Gespräch kommt mit anderen und vor allen Dingen mit Leuten, die sich halt in die Situation hineinversetzen können, wie zum Beispiel andere Studierende.

Lisa Baumgartner
Wie Sie das erste Mal von dem Projekt gehört haben, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Tom Doberauer
Dadurch, dass ich aus dem Technik Department komm, also es ist halt, es ist das, was ich mir ausgesucht habe, aber es ist sehr technisch und kühl, und dann war das erstmal eine sehr, sehr herzliche, also relativ betrachtet eine sehr herzliche Mail, und habe mich gefreut über den Input aus anderen Departments. Und war sofort neugierig. Und habe dann auch die Chance gesehen zur persönlichen Weiterentwicklung, was mich sehr fasziniert hat, neben der Beratungsfunktion und der Hilfestellung.

Lisa Baumgartner
Frau Paukowitsch, warum startet denn das Projekt jetzt durch? Also hat die Corona-Pandemie vielleicht zu den letzten Anstoß gegeben?

Petra Paukowitsch
Ja, es ist so: Während der Pandemie habe ich andere FH Campus Wien als Lehrende im Studiengang Ergotherapie zu arbeiten begonnen und war davor im Bereich der Psychiatrie tätig. Das heißt, ich bin in der Pandemiezeit aus der Praxis in die FH gewechselt und habe gemerkt, dass die Themen, die ich in der Praxis erlebt habe, auch an der FH sichtbar werden. Ich habe gemerkt, dass Studierende vermehrt in Belastungssituationen kommen und vermehrt bei uns im Team Unterstützungsleistungen brauchen. Und dann habe ich mal dachte, das kann nicht nur bei uns so sein, in unserem Studiengang, das ist wahrscheinlich auf der ganzen FH genauso, und so war es dann auch tatsächlich. Wir haben durch die Pandemie definitiv Rückenwind bekommen, weil die Awareness für psychische Gesundheit sehr, sehr stark gestiegen ist, und auch die Awareness dafür, dass es Bedarf gibt an Unterstützung.

Lisa Baumgartner
Es hat jetzt gerade einen Austrian Health Report gegeben, und da ist wieder die Bedeutung für die psychische Gesundheit und dass sich die jungen Menschen gar nicht so gesund fühlen, hervorgehoben worden. Also, das schlägt in dieselbe Richtung.

Petra Paukowitsch
Ja, da kommt natürlich dazu, dass durch die Pandemie die Awareness für psychische Gesundheit sehr stark gestiegen ist, wie ich schon gesagt habe. Es ist auch aufgrund der sozialen Medien, gerade in den jüngeren Generationen, eine vermehrte Auseinandersetzung mit psychischer Gesundheit sichtbar, weil da ganz viele Informationen auf sozialen Medien sind, viel Austausch passiert. Da muss man aber natürlich vorsichtig sein, weil es auch zu sowas wie Selbstdiagnose führen kann, dass ich bei mir selber jetzt eine Depression feststelle, obwohl das gar nicht so ist. Also da schauen wir im Projekt Listen!, dass wir fundierte Informationen herausgeben für Studierende, die Sorge haben oder die Interesse haben.

Lisa Baumgartner
Peer-Beratung als niederschwelliges Angebot. Das heißt, Sie bauen hier auf Studierende, die sich als Peer-Berater*innen ausbilden lassen. Das waren 22 Studentinnen und Studenten, quer durch die Studiengänge durch, haben sich im letzten Jahr ausbilden lassen. Welche Voraussetzungen waren denn da notwendig?

Petra Paukowitsch
Im Grunde ist die Ausbildung für jeden und jede offen. Was wir voraussetzen, ist ein Interesse an den Inhalten. Das sind zum Beispiel psychische Gesundheit und Resilienz, Gesprächsführung, auch Krisenintervention und Stressbewältigung. Und dann steht einem frei, ob man gerne Peer-Berater*in werden möchte oder nicht. Ich kann die Ausbildung auch einfach nur für mich machen. Und wenn ich dann Lust habe, Peer-Berater*in zu sein, wäre es gut, wenn ich gerne Erfahrungen sammeln möchte in der Beratung, im Team, also unsere Beratungen finden auch immer zu zweit statt, mit zwei Peer-Berater*innen, dass ich da Interesse habe, auch andere Studierende kennenzulernen und mich da auszutauschen und natürlich Studierende auch zu unterstützen, die meine Hilfe brauchen.

Lisa Baumgartner
Tom, Sie haben also diese Ausbildung gemacht, sind jetzt Peer-Berater. Was braucht es denn Ihrer Ansicht nach dazu, ein guter Peer-Berater zu sein?

Tom Doberauer
Ich denke ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein für die Aufgabe, die man dort übernehmen will. Wir arbeiten dort halt als Menschen mit anderen Menschen zusammen, und dass man sich dessen bewusst ist, dass das, was man sagt, halt Konsequenzen haben könnte oder mal Konsequenzen hat und man halt entsprechend mit Achtsamkeit vorgeht. Und ja, ein fundamentales Interesse an nicht nur eben, wie es bei der Technik oft ist, an Gegenständen, sondern ein fundamentales Interesse eben an Menschen, die als absolut fundamentale Voraussetzungen da sein müsste. Und das spürt man automatisch, wenn man das liest, und wenn man das sieht: Listen! Peer-Beratung, da weiß man meistens instinktiv schon, das ist jetzt was, was mein Interesse weckt, was meine Aufmerksamkeit fängt, oder eben eher nicht.

Lisa Baumgartner
Sie haben Kurse absolviert, um als Peer-Berater tätig zu sein. Welche Themen sind da als Inhalte vorgegeben? Womit haben Sie sich da beschäftigt?

Tom Doberauer
Wir haben viele verschiedene theoretische Grundlagen besprochen, zum Beispiel: Was macht Gesundheit aus? Auf welchem Fundament beruht das? Wie kann man das beurteilen? Wie können wir uns persönlich abgrenzen, was dürfen wir tun, oder was können wir überhaupt tun mit unserer Ausbildung? Dann, sind sind wir weiter zu Gesprächstechniken gekommen, wie man jetzt eine Lage sondiert, so gesagt, wie man richtig einschätzt, wie die Intensität sein könnte des Problems oder in welche Richtung des Lebens das abzieht, also in welche Domäne. Und dann haben wir viel gelernt, was man zum Beispiel eher nicht machen sollte, also diese persönliche Abgrenzung. Oftmals ist es so, wenn man sich für so ein Projekt meldet, dann hat man das innere Bedürfnis, automatisch jedem zu helfen, der mit irgendein Problem daherkommt, und dass man da halt sagt, dass die Lösungsfindung eigentlich tatsächlich erst mal nicht im Fokus steht, sondern das Zuhören, und und dass wir da die richtigen Technik haben und vorsichtig sind. Dann sind wir weiter. Zum Beispiel, Krisenintervention haben wir gehabt, also würden es dann auch wirklich an die sehr ernsten Inhalte geht, wie wir uns damit fühlen, und wir haben das auch geübt im Setting mit Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählt haben, also wahren Geschichten. Gesprächsleitfaden haben wir bekommen, zum Beispiel als Unterstützung. Wir haben halt ein Semester eine Ausbildung. Da ist man natürlich kein Therapeut, also was bedeutet das halt, ein Berater zu sein und eben kein Coach oder Therapeut, dass man da halt seine Kompetenzen richtig einschätzen kann.

Lisa Baumgartner
Ganz ein wesentlicher Punkt. Es war eine umfassende theoretische Ausbildung. Seit Herbst geht es in die Praxis. Da werden die Beratungen angeboten. Wie ist es jetzt in der praktischen Umsetzung? Wie gehen Sie damit um, wenn Studierende zu Ihnen kommen und eben nicht weiterwissen, eine Situation haben, wo sie selber keine Lösung sind?

Tom Doberauer
Die Theorie ist die Theorie, und in der Praxis ist es nie so formelhaft. Man muss sehr viel auf seine Instinkte vertrauen und halt dabei immer die Theorie natürlich im Hinterkopf behalten, aber sehr spürig sein. Und finde schon, dass wir so gut vorbereitet wurden, dass es keine Situation gibt, in der wir jetzt - also kann ich nur für mich persönlich sprechen - aber in der ich mich jetzt völlig unvorbereitet fühle. Auch, wenn jetzt ernstere Themen aufkommen, dann wissen wir zumindest in der Theorie, wie wir damit umzugehen haben, und wenn man das jetzt als Charakter noch nicht erfahren hat im Leben, dann wird man das spätestens in dem Setting sehen.

Lisa Baumgartner
Ich kann mir vorstellen, es gibt Situationen, und da kommen zwar Studierende, aber denen fehlt es selber gar nicht so leicht, darüber zu reden, was sie bewegt. Gibt es eigentlich für solche Situationen so einen Icebreaker für den eher gehemmten Start?

Tom Doberauer
Ja, also, man spürt sofort, wenn jemand halt mit dem Problem, um dass es wirklich geht, herauskommt. Dann also, wenn man über Schmerz redet, dann ist es meistens sehr authentisch. Das spürt man dann. Oder wenn sich jemand herumdrückt um das Problem eben und dann, es ist ganz individuell. Also, ich kann jetzt nicht sagen, da gibt es irgendwie so die Lösungen. Manche sind total empfänglich für Humor, bei anderen spürt man, dass man da eher auf sachlicher Distanz bleiben muss oder vorsichtig sein muss, und das ist halt was, was wahrscheinlich, wo man sich dann mit Erfahrung und mit Übung, wir müssenselber auch üben, als Berater, sicher sein kann, wie man die Situation richtig angeht. Es kann auch sein, dass einfach die Chemie gar nicht stimmt, und das ist dann vollkommen okay. Das stellen wir auch immer gleich klar, und das dann halt gerne andere Berater*innen ausprobiert werden können.

Lisa Baumgartner
Die Situation mit den zwei Berater*innen, das bringt sicherlich auch einen Vorteil.

Tom Doberauer
Ganz genau, das habe ich gar nicht jetzt bedacht, aber es ist wirklich, dadurch, dass man einfach zwei Gehirne zur Verfügung hat, kann man auch wirklich aus zwei Perspektiven versuchen, das Problem anzugehen, was total hilfreich ist, natürlich.

Lisa Baumgartner
Die Beratungen sind ja anonym. Deswegen werden wir jetzt keine konkreten Fälle sozusagen besprechen. Es wird das alles streng vertraulich behandelt. Aber in welchen Situationen glauben Sie, Frau Paukowitsch, brauchen Studierende Unterstützung oder jemand, der ihnen einfach zuhört, vielleicht einen Lösungsweg aufzeigt?

Petra Paukowitsch
Wir merken aktuell, dass das große Thema ist Überlastung und Energiemanagement, das heißt Überlastung mit Studium und Privatleben, vielleicht noch einer Berufstätigkeit, daneben. Familie, all das, was unser Leben halt bringt. Und da fehlen oft die Energie oder die Strategien, wie ich damit umgehen kann. Und das waren Themen, die jetzt sehr häufig da waren, eben Überlastung, Energiemanagement, auch finanzielle Themen. Also, wenn es um finanzielle Schwierigkeiten gibt, da wäre dann eher die Aufgabe der Peer-Berater*innen, gemeinsam zu schauen, wo gibt es denn zum Beispiel Fördermöglichkeiten. Also das haben wir jetzt bemerkt, dass das die Themen waren.

Lisa Baumgartner
Peer-Beratung hat es selber bei Ihnen etwas ausgelöst, also eine Veränderung merken Sie an sich selbst, hat das für Ihre Persönlichkeit etwas bedeutet?

Tom Doberauer
Ja, auf jeden Fall, also, Beziehungen sind fundamental für uns alle. Also wir sind alle Teil eines Netzwerks, und wir haben immer Beziehung zur Familie, zu Freund*innen, zu Arbeitskolleg*innen, zu Studienkolleg*innen, und insofern ist so eine Ausbildung immer einen Vorteil. Also auf jeden Fall habe ich gespürt, ganz sicher. Auch die Reflexion darüber, inwiefern ich mich mit schwierigen Situationen wohlfühle oder wie ich reagiere. Mir war zum Beispiel vorher gar nicht bewusst, dass ich auch eher vom Typ her so bin: Wenn mir jemand ein Problem vorsetzt, dann - also, so macht man das meistens mit Freunden, dann sagt man: "Macht auch das, das, das, das, das." Was teilweise, wenn man wirklich reflektiert und darüber nachdenkt und dann das selber so erfährt, dann merkt man auch, dass das gar nicht so erwünscht ist natürlich.

Lisa Baumgartner
Dass das vielleicht noch mehr überfordert.

Tom Doberauer
Genau das sind blinde Flecken, wo man vorher einfach noch nicht darüber nachgedacht hat, die die Ausbildung eigentlich sehr schön aufgedeckt hat. Also großes Potenzial für Persönlichkeitsentwicklung, wenn man dafür offen ist.

Lisa Baumgartner
Ein Teil von Listen!, haben Sie uns schon verraten, richtet sich auch an Lehrende, an die Studiengangsleiter*innen und auch an die administrativen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Alle stehen ja in ständigem Kontakt und im Austausch mit den Studierenden. Wo setzen jetzt die Schulungsangebote diese Personengruppe an?

Petra Paukowitsch
Wir haben bei den Mitarbeitenden die besondere Herausforderung, dass belastete Studierende täglich Brot sein können und mehr Arbeitsaufwand sein können. Das heißt, da sitzen natürlich Personen in den Kursen, die wir anbieten, diese Workshops, die dann sagen: Und das soll ich jetzt auch noch machen. Also, ein Fokus unserer Workshops, die wir für Mitarbeitende anbieten, ist mal auch der Austausch mit anderen Studiengängen, mit anderen Kolleg*innen aus anderen Departments. Wie geht es uns denn eigentlich, und was sind vielleicht schon Strategien, die wir haben? Weil da gibt es schon ganz, ganz viel, wie Studiengänge mit belasteten Studierenden umgehen. Zusätzlich zu diesem auch Peer-Austausch, der da passiert, geben wir den Mitarbeitenden auch konkrete Handwerkszeuge mit Tools mit, die sie anwenden können, wenn studierende in Belastungssituationen zu ihnen kommen. Das sind zum Beispiel Administrationskräfte, die dann angerufen werden von Studierenden, die ganz aufgelöst sind und am Telefon weinen, im Extremfall, dass die mal wissen, okay, wie kann ich der Person jetzt antworten, wenn die ins Telefon weint, zum Beispiel.

Lisa Baumgartner
Ruhe bewahren vielleicht?

Petra Paukowitsch
Ja, da merken wir, da haben unsere Mitarbeitenden schon sehr, sehr viel Intuition und schon viel Wissen. Das decken wir auf und geben ihnen zusätzlich noch ein bisschen mehr mit.

Lisa Baumgartner
Haben Sie Tom einen Tipp, so aus dem Bauch heraus, was ist eine gute gemeinsame Basis im Miteinander zwischen den Studierenden und den Lehrenden noch fördern könnte?

Tom Doberauer
Als erstes kommt mir in den Sinn: die Empathie. Also, dass man halt wirklich mal, wenn es dann an die negativen Emotionen geht, erst mal vielleicht sich ein bisschen zurücknimmt, mal durchatmet, dann wieder den Kopf ein bisschen mehr Oberhand gewinnen lässt. Und dass man sich vorstellt, zum Beispiel, der Professor hatte jetzt keine Zeit für mich oder war ungut oder so, und ich meine, eine akademische Laufbahn, da opfert man auch viel, also privat und freizeittechnisch, und ist auch hart. Und als Studierenden hat man es auch hart. Also es ist halt, wir arbeiten alle sehr viel, und ich denke, dass viele Reibungen erleichtert werden könnten, wenn wir uns das immer wieder ins Bewusstsein rufen und die Achtsamkeit da ein bisschen in den Vordergrund rücken.

Lisa Baumgartner
Ich möchte jetzt kurz noch die Vernetzung ansprechen. Wie kann ich mir das vorstellen, wie wir die vorangetrieben?

Petra Paukowitsch
Wie ich am Anfang schon angesprochen habe, ist der Hintergedanke hinter dieser Vernetzung, dass ein soziales Netzwerk mich unterstützt, wenn es mir nicht zu gut geht. Das ist ein Netzwerk, auf dem ich mich ausruhen kann. Und unsere Vernetzungsangebote, wie der Name schon sagt, dienen dem Ziel, das Studierende auch über ihren Studiengang hinaus Kontakte knüpfen können, mit Studierenden in Austausch treten können. Was wir da jetzt gemacht haben, sind partizipative Erhebungen mit Studierenden, was die eigentlich gerne hätten, was würden sie sich wünschen an Angeboten. Da ist dann zum Beispiel: Themen kommen zu Kulinarik, wir hätten gerne mal ein Picknick gemeinsam oder ein Weihnachtsessen oder sowas, wo man einfach hingehen kann und dabei sein kann. Dann sind Themen kommen zur Entspannung und Bewegung. Da haben sie sich Kurse gewünscht oder auch Möglichkeiten, Räume zu haben, wo man hingehen kann. Das waren so ein paar Beispiele, und was wir jetzt machen im Projekt, in Listen, ist, diese Ergebnisse nehmen und schauen, wie wir es auch wirklich umsetzen können. Das heißt, wir bieten jetzt ab kommendem Semester Kurse an für Studierende zum Thema Entspannung. Wir bieten Open Lectures an. Jetzt haben wir eine im Jänner zur Klimakrise und Climate Anxiety, also wie geht es mir damit? Wir planen auch schon ein Picknick. Also, wir versuchen, das aufzugreifen und da einfach wirklich Möglichkeiten zu bieten.

Lisa Baumgartner
Das heißt, der Gemeinschaftsgedanke wird geschärft, und dadurch fühlt sich der einzelne, die einzelne ganz einfach besser.

Petra Paukowitsch
Genau so ist es, ja. Wir merken allerdings auch, dass der Wunsch bei den Studierenden nach diesen Angeboten sehr, sehr groß ist, dann aber die Teilnehmenden gar nicht so viele sind. Und da sind wir nicht die einzige FH. Wir sind als FH Campus Wien Teil des Netzwerks der gesundheitsfördernden Hochschulen Österreichs, und das berichten sehr viele Hochschulen, dass der Wunsch der Studierenden nach Austausch sehr groß ist, aber dann die Angebote gar nicht so intensiv angenommen werden. Das ist für uns noch ein Fragezeichen, wo wir weiterhin schauen werden und schauen, was die Studierenden brauchen, und dass wir ihnen das auch wirklich geben können, um dieses Bedürfnis nach Austausch zu erfüllen.

Lisa Baumgartner
Wenn dann die Studierenden tatsächlich die Angebote wahrnehmen, welches Feedback bekommen Sie von ihnen?

Petra Paukowitsch
Wir bemerken, dass vor allem die Ausbildung zur Peer-Beratung sehr, sehr gut angenommen wird. Da haben wir sehr viele Anmeldungen, und auch Wartelisten. Also, da ist sehr großes Interesse daran, sich selbst weiterzubilden. Bei den Beratungen, da haben wir erst im Oktober gestartet, da haben wir noch nicht so viele Rückmeldungen sammeln können. Aber derweilen schaut es auch recht positiv aus, und da sind wir einfach auch noch im Bewerben, dass die Studierenden überhaupt wissen, dass es die Beratungsmöglichkeit gibt. Und mit den Vernetzungsangeboten starten wir dann im Januar 2024 voll durch und haben uns da viel, viel vorgenommen und werden das dann noch am Ende evaluieren und schauen, wie wir dieses Angebot gut auf die Studierenden zuschneiden können.

Lisa Baumgartner
Was wünschen sie sich eigentlich für Listen!, Tom?

Tom Doberauer
Natürlich, dass das Projekt supergut angenommen wird und dass wir, ich meine, jetzt zu sagen, dass wir viele Beratungsgespräche haben, würde natürlich rückwirkend bedeuten, dass viele Leute Probleme haben. Aber ich glaube, die Probleme, die sind halt einfach immer da. So ist das Leben. Und dass meine Kollegen und Kolleginnen sich trauen, und keine falsche Scheu. Wir sind wirklich da. Also es melden sich nur Leute zu einer solchen Ausbildung an, die wirklich wertefrei und vorurteilsfrei versuchen. Natürlich ist das niemand 1für 00 Prozent. Wir sind alle nur Menschen. Aber wenn man sich da hinsetzt und jemand erzählt einem, was er beschäftigt oder was Leidensdruck auslöst, dann sind wir da. Da kann man erzählen, was man möchte, man kann mit jedem Problem kommen. Das würde ich mir wünschen, und dass wir so halt in der Gemeinschaft nicht nur an der FH, sondern auch, wie ich vorhin schon bereits gesagt habe, wir sind Teil eines Netzwerks, also auch über die FH hinaus, Familie etc. Wenn wir uns mit unseren Problemen beschäftigen und es uns ein bisschen besser geht, sage ich mal, dann direkt und indirekt, wirkt sich das auch weiter aus. Also mein Wunsch wäre halt, dass die positiven Effekte, die wir gar nicht so bewusst abschätzen können, halt noch viel größere Wellen schlagen.

Lisa Baumgartner
Was sind denn ihre Hoffnungen oder Erwartungen, Frau Paukowitsch?

Petra Paukowitsch
Unsere Hoffnung mit dem Projekt Listen! ist, dass wir eine Möglichkeit an der FH Campus Wien schaffen, Studierende in ihrem gesunden und sicheren Studieren zu unterstützen. Wir sind gerade dabei zu versuchen, das auch wirklich nachhaltig an der FH zu implementieren, also über den Projektstatus hinaus, dass es wirklich noch bleiben kann, und da haben wir auch sehr positiven Rückenwind von Seiten der Fachhochschule, was uns sehr, sehr freut. Allgemein ist meine Hoffnung, dass das Thema psychische Gesundheit weiterhin im Diskurs bleiben kann, dass es nicht wieder in der Schublade verschwindet und dass wir damit einfach viele Studierende auch unterstützen können in ihrem Studienalltag und damit ihr Studium auch abzuschließen.